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“Diese Aufrichtigkeit vermisse ich hierzulande manchmal” Post2PDF

“Interview mit Filmemacher Ralf Bücheler von MISSION CONTROL TEXAS

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in diesem Rahmen einen Dokumentarfilm über texanische Atheisten zu machen?

Ich hatte eine wirklich lange Pechsträhne, bevor ich auf die Atheisten stieß. Ich habe sechs oder sieben Projekte anrecherchiert und teilweise auch angedreht, doch alle platzten aus den verschiedensten Gründen. Filmemacherpech eben. Und gerade als ich keine Lust mehr zum Suchen hatte, stieß mein Kollege Jörg Adolph in der “Süddeutschen” auf einen kurzen Artikel über “The Atheist Experience” - er wies mich darauf hin und sagte: Das ist doch was für Dich. Zuerst war ich skeptisch, aber dann habe ich mir die Show im Internet angesehen - und ein paar Wochen später reiste ich zur Recherche nach Austin.
Bei dem Thema kam ganz viel zusammen, was mich ansprach: Die Diskussionen in der Show - und auch die Glaubensausübung in Texas - sind sehr performativ. Außerdem ermöglicht die Auseinandersetzung zwischen Gläubigen und Atheisten einen Blick auf die “culture wars” in den USA wie durchs Brennglas. Und “The Atheist Experience” ist ein schöner Ausdruck der angelsächsischen Debattenkultur, die ich schon lange sehr bewundere.
In der Anfangsphase habe ich ganz radikal gedacht und wollte im Film das Fernsehstudio der Atheisten nie verlassen - ich wollte es wie eine Raumstation behandeln. Am Ende haben wir doch anders entschieden, weil die erste Idee uns keinen Blick in die „Lebenswelt Texas“ erlaubt hätte – und ohne den versteht man den Furor der Atheisten nicht.

Wie haben Sie Zugang zu den Machern von “The Atheist Experience” bekommen?

Ich habe dem Producer der Show - Frank, der auch im Film vorkommt - eine E-Mail geschrieben. Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis ich eine Antwort bekam; das lag daran, dass sich die Atheisten erst untereinander abstimmen mussten, ob sie ein Filmteam für längere Zeit ins Studio lassen wollen. Ich musste eine Projektskizze rüberschicken und meine vorherigen Filme vorstellen. Das fiel mir nicht so leicht, denn ich habe in den letzten Jahren an zwei Filmen mitgearbeitet, die sich mit den Oberammergauer Passionsspielen beschäftigen - das ist nicht gerade ideal, um sich bei Atheisten zu “bewerben”. Am Ende haben sie sich dann aber doch einstimmig für das Projekt entschieden - und danach gab es nie mehr Fragen oder Zweifel von ihrer Seite.

Sie haben auch in zahlreichen christlichen Kirchen und Gemeinden gedreht. Nach welchen welchen Kriterien haben Sie diese ausgewählt und wie sind Sie dort aufgenommen worden?

Wir haben insgesamt neun Shows von “The Atheist Experience” aus der Backstage-Perspektive gedreht - und die Show findet nur sonntags statt. Das bedeutet: Wir hatten zwischen den Shows immer sechs Tage Zeit, uns in Texas herumzutreiben und nach Szenen für “die andere Seite” zu suchen. Und wenn man einmal die “Suchbrille” aufhat, dann wird einem klar: Glaube wird in Texas, vor allem auf dem Land, überall und sehr sichtbar gelebt.
Auf viele Kirchen und Veranstaltungen sind wir durch Zufall oder durch Hinweise von Leuten gestoßen, mit denen wir ins Gespräch gekommen sind. Etwa die Hälfte der christlichen Orte, Gruppen und Personen waren aber auch wirklich harte Recherchearbeit. Ich habe vor den Drehs, aber auch währenddessen, viel Zeit im Internet verbracht, um etwa das richtige Rodeo zum Drehen zu finden, oder um diesen oder jenen Fundamentalisten zu überzeugen, dass wir drehen dürfen. Eine Riesenhilfe war das “Texas Freedom Network”, ein liberaler Think-Tank in Austin, wo man mich immer wieder großzügig mit Informationen versorgt hat.
Wenn wir dann jemand gefunden hatten, war der Zugang meistens überraschend einfach. Wir wurden eigentlich immer freundlich aufgenommen und hatten in den wenigsten Fällen Probleme, eine Drehgenehmigung zu bekommen, vor allem in den Kirchen. Das hängt auch damit zusammen, dass es da diesen Stolz gibt, herzuzeigen, was man glaubt und richtig findet. So habe ich die USA und vor allem Texas erlebt, und ich bewundere diese Aufrichtigkeit - die ich hierzulande manchmal vermisse; das macht uns Dokumentarfilmern die Arbeit schwer.

Welche Überlegungen stehen hinter Ihrem filmischen Konzept, auf Interviews zu verzichten und auf reine Beobachtung zu setzen?

Ich beobachte selbst gerne - und ich möchte die Zuschauer möglichst unmittelbar an der vor-filmischen Situation teilhaben lassen. Das ist wahrhaftiger und interessanter, als den Leuten mit Interviews und Kommentar erklären zu wollen, wie sie eine Situation zu lesen haben. Die Zuschauer können selber sehen, hören und verstehen.
Mir ist klar, dass reine Beobachtung und der Verzicht auf Interviews oder Kommentar nichts mit Objektivität zu tun haben - das zu glauben wäre naiv, denn ich schaffe ja eine neue Wirklichkeit durch Auswahl und Montage. Aber es gibt verschiedene Grade der Wahrhaftigkeit - je nachdem, welche filmischen Mittel ich wähle: Je weniger ich mich stilistisch aus dem herkömmlichen “Doku-Baukasten” bediene, und je mehr ich auf die Erzählung in der Montage vertraue, desto wahrhaftiger wird der Film. Außerdem geht es auch um Eleganz: Wenn eine Situation gut gefilmt und montiert wurde, dann sind keine weiteren Zutaten mehr notwendig.
Meine Protagonisten reden ja auch die ganze Zeit miteinander über sich, ihren Glauben und ihre Motivation - oder sie präsentieren stolz Performances, die sie sich so ausgedacht haben. Es macht keinen Sinn, da noch eine weitere Erklärebene drüberzulegen. Außerdem waren die Dokumentarfilme, die mich am meisten beeindruckt haben, Direct-Cinema-Filme.

Wie waren die Reaktionen des Publikums bei den Festivalvorführungen des Films?

Auf diese Frage eine kurze Antwort zu finden ist nicht leicht, denn die Publikumsgespräche nach dem Film sind immer recht ausführlich. Die Menschen sehen eine Lebenswelt (USA), die sie aus den Medien und vielfach aus der eigenen Erfahrung zu kennen glauben - aber sie erleben einen für uns Europäer fremden Aspekt dieser Lebenswelt: Hierzulande ist die Auseinandersetzung über den Glauben einfach nicht so vehement. Das wirft eine Menge inhaltliche Fragen auf.
Bisher hatten wir eigentlich durchwegs positive Reaktionen - das hat mich überrascht, denn ich dachte, dass der Film eigentlich “auseinandersetzunsfreudige” Gläubige anziehen müsste - das ist aber bisher nicht geschehen. Der Atheismus gehört in unserer Gesellschaft wohl bereits zum Mainstream.
Die Fragen stellte Katya Mader.

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