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No Doku Post2PDF

Auf dem Weg zur Post mit DVDs der DOCCOLLECTION zum Verschicken unterm Arm, schaue ich zum ersten Mal auf den Plastikaufkleber in den der Lieferschein eingelegt wird und erblicke links unten im Eck diesen Warennamen: docuFIX LD Classic. Wahnsinn: docuFIX!
Ich reagiere allgemein allergisch, wenn ich das Wort Doku nur höre. Und jetzt schicken wir unsere dokumentarischen Filmarbeiten ausgerechnet mit diesem Label in die Welt. Dabei ist Doku einfach ein Schimpfwort und sollte unbedingt auch so verwendet werden. Das hat sich nur noch nicht rum gesprochen. “Ich drehe gerade ne Doku” (Subtext: “Bevor ich dann was Richtiges mache”), tönt der Regisseur, Journalist oder Werbefilmer, wackelt mit der Digital-Kamera durch die Gegend, interviewt was halt so zu interviewen ist und legt seine Lieblingsmusiken an. Und das ist jetzt wirklich kaum übertrieben…

Es gab eine Zeit, da muss es sich gut und richtig angehört haben, wenn von Doku die Rede war. Damals galt es die Dokumentation wieder schmackhaft zu machen und diese leicht bekömmlich zu präsentieren. Zu dieser Zeit schienen Worte wie trocken, langweilig oder anstrengend, mit Dokumentation eine feste Verbindung eingegangen zu sein. Keine Angst – wollte man sagen - ist keine trockene, langweilige oder anstrengende Dokumentation. Ist nur Doku. Die Kurzform als Verniedlichung für ein ungeliebtes Genre: Tut nicht weh, dauert nicht so lang, erfordert wenig Nachdenken, niemand wird belehrt und man muss gar nicht so genau hinschauen. Und so wurde alles irgendwie Doku. Doku-Soap hier, Dokutainment da und schließlich sogar “Der Doku-Sommer” auf 3sat. Bald wurden auch Titel zum Standard, die schon von weitem nach Doku rochen: “Nackt und frei in Amsterdam” - Doku. “Auf der Suche nach Hitlers Leichnam” - Doku.
Mein Lieblingsdokutitel kommt vom NDR und lautet: “Der Robbenflüsterer von Hagenbeck” (Untertitel:) “Ein Mann für nasse Felle.” Echt Doku.

Nun war es mit der Genre-Verniedlichung und dem Sendungstitelgeblödel nicht getan. Denn wo Doku drauf stand, sollte auch Doku drin sein. Also wurden vormals säuberlich getrennte Formen wie Reportage, Feature oder Dokumentation allesamt dokufiziert und ihre Stilmittel, ihre Präsentationsformen, ihre Haltungen munter vermischt. Angesichts der entfesselten Doku-Dynamik verlor das öffentlich-rechtliche Fernsehen schnell sein Interesse an jahrzehntelang gepflegten dokumentarischen Kernkompetenzen. Mit einer zusammengeschusterten, auf schlichte Effekte und reproduzierbare Emotionen ausgerichteten Doku-Soap konnte man spielend leicht mehr Zuschauer erreichen, als durch einen Dokumentarfilm zum gleichen Thema. Also nix wie her mit der Doku. Das machte man solange, bis sich die Genregrenzen auflösten und „Alles Doku – oder was?“ (Fritz Wolf) wurde. In italienischen Lokalen gibt es auf der Speisekarte oft ein Gericht, das „Fritto Misto“ heißt: Alles rein in die Friteuse, schön kross außen und innen geschmacksneutral fettig. So muss auch die gängige Doku-Form charakterisiert werden: FRITTO MISTO STYLE.

Als der Dokumentarfilm im Fernsehen nur noch in seiner frittierten Form vorkam, wanderten die letzten Dokumentarfilmautoren und der kulturell aufgeschlossene Teil des Publikums ab und suchten ihr Glück in der Gegenöffentlichkeit des Kinos. Bald war dort (so stand es zumindest in den großen Feuilletons) ein “Dokumentarfilm-Boom” zu erleben. Über diesen Erfolg ist man nun immer noch so erstaunt, dass es kaum auffällt, wenn auch im Kino hauptsächlich Dokus zu sehen sind, wenn auch in abendfüllender Länge.
Es wird viel über den meist exotischen, politischen oder gesellschaftlich-relevanten Inhalt, aber wenig über das dokumentarische Handwerk nachgedacht, wenn Menschen Dokumentarisches machen, sehen oder besprechen. Thema ist Trumpf im Dokukino. Für die Feinjustierung filmischer Stilfragen gibt es ja die fiktionale Form. Und so sind die einschlägigen dokumentarischen Kino-Publikumsrenner fast alle im Fritto Misto Style konzipiert ohne wirkliches Interesse an dokumentarischen Möglichkeiten. Was da angeblich im Kino boomt ist nicht der Dokumentarfilm, es ist nur Doku.

Es mit Begriffen nicht so genau zu nehmen, ist ausgesprochen bequem. Und oft ist es unmöglich, auf begrifflicher Genauigkeit zu beharren, wenn jemand mit freundlichem Interesse fragt: „Und was ist das Thema Deiner Doku?“ Warum jetzt nicht einfach weiter nett sein und von Doku sprechen, wenn doch alle irgendwie wissen, was gemeint ist. Und wer sollte mir auch folgen wollen, wenn nicht einmal beim Grimme-Preis oder bei der Vergabe des Deutschen Fernsehpreises der Dokumentarfilm als eigene Kategorie im Konzert der informativen Formen überhaupt vorkommt? Warum sollte man dann die tolle Boomstimmung anzweifeln?
Vielleicht weil Begriffe etwas sehr Konkretes sind. Sie prägen unsere Wahrnehmung, können Dinge sichtbar machen oder aber blinde Flecken erzeugen. Ein betont simples Beispiel: Wer über den Begriff einer Buche verfügt, kann bei Gewitter diesen Baum suchen und vor anderen Bäumen weichen. Wer über den Begriff nicht verfügt, der kann den besonderen Baum vor lauter Wald nicht sehen. Oder um es wissenschaftlicher auszudrücken: Unterscheidungsgewohnheiten erzeugen Handlungskonsequenzen.

Es war sicher ein Fehler sich so weit und so leichtfertig auf das Doku-Wort einzulassen und dadurch die Unterscheidungsgewohnheiten für die vielfältigen dokumentarischen Formen aufzugeben. Jeder durchschnittlich Medienkompetente weiß bei Spielfilmen sehr wohl zu differenzieren und seine Vorlieben für Subgenres, Stilepochen oder prägende Regisseure zu benennen und kann diese sogar nach drei Bieren noch begründen. Die uns vertrauten Begriffe bilden ein fein abgestimmtes System in unserem Denken, Kommunizieren und Handeln. Wenn wir aber nicht einmal die Genauigkeit aufbringen, zwischen Doku und Dokumentarfilm zu unterscheiden, dann verschwindet das gesamte Konzept von Dokumentarfilm, als einer vielgestaltigen, neugierigen, kunstvollen Annäherung an komplexe Wirklichkeit. Dann ist einfach alles Doku. Andererseits kann nur durch ein leicht missionarisches Bestehen auf begrifflicher Differenz, die Aufmerksamkeit auf die entscheidenden Unterschiede gelenkt werden. Das wäre wohl notwendige Kulturarbeit - alles andere ist Fritto Misto DocuFIX Style.

One Comment

  1. Hermann Barth wrote:

    Dieser Text spricht mir aus tiefstem Herzen. Als nächstes Thema schlage ich “Essayfilm” vor. Die sind nämlich aus der Sicht des durchschnittlichen Doku-Fans, der sich in einen Essayfilm verirrt,und dessen Erwartungen dort nicht erfüllt werden, “chaotisch und ohne jedes Konzept”. Es bleibt viel zu tun!

    Freitag, September 19, 2008 at 11:07 | Permalink

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